Studienreise 2021 nach Israel

06. bis 16. Oktober 2021

Reisebericht 2016

Ein Israel-Tagebuch
von Runold Jacobskötter

Sonntag, 06.11. (Anreisetag)

Abflug, alles läuft wie geplant, Umsteigen in München kein Problem.

Ankunft in Tel Aviv im Hellen, Weiterfahrt nach der zentralen Passkontrolle mit Doku-Visa im Dunkeln. Im Hostel in Jerusalem eine Überraschung: a. Zimmer, b. Atmosphäre, c. Essen (!?).

Anschließend ein Gespräch mit Frau …, … Theologin, … und ihrem Mann. In dem Gespräch wird deutlich, wie gespalten und vielschichtig die Einwohnerschaft von Israel und Palästina ist:

Es gibt eine politische Aufteilung in Israel und Palästina und eine religiöse Zuordnung. Bei beiden Bereichen gibt es aber Überschneidungen, die eine Zuordnung und somit eine gesellschaftlich entwickelte Haltung für Personen schwierig gestalten. Jüdische Israelis, arabische Israelis (die sich aufteilen in Christen und Muslime). Araber werden alle Nachfahren der Bewohner benannt, die in Israel bereits vor der Gründung des Staates Israel hier lebten und nicht aus Europa kamen. Als Palästinenser muss man die Einwohner des Gazastreifens und der Westbank sehen, die nach dem 6-Tage-Krieg im Land blieben oder aus Israel in die Westbank gezogen waren. Dazu kommen die geflüchteten Palästinenser, die seit Jahrzehnten in den benachbarten Staaten leben.

Die Palästinenser in Israel haben derzeit große Schwierigkeiten, sich für eine Zukunft zu entscheiden: Politisch betrachtet ist der Staat Israel etwas, das abgeschafft gehört. Individuell und persönlich haben die verantwortlich bewussten Menschen das gleiche Ziel wie überall, für sich und ihre Familien den Wohlstand zu mehren, was aber nur mit Arbeit für die oder bei den Israelis gelingt, da sie im Nahen Osten ein neues Wirtschaftszentrum etablierten. Der politische Druck, auch von außerhalb der besetzten Gebiete, lässt aber bei einer Wahl einen Sieg der Hamas sehr wahrscheinlich sein. Die Konsequenzen wären negativ bis nicht absehbar.  

Die 160 000 Christen in Israel, ebenfalls arabischer Herkunft, fallen nicht weiter ins Gewicht, obwohl auch sie bereits seit den Römern hier leben. In den palästinensischen Gebieten nimmt ihre Zahl ab, da sie auf Grund von Repressalien „verschwinden“, auswandern.

Das Problem Israel – Palästina wird aber auf Dauer weiterhin keine Annäherung auf politischer Ebene erreichen können, da der Begriff Normalisierung in Bezug auf Israel bei den Palästinensern inzwischen einen Straftatbestand bedeutet. Ein Beispiel geben palästinensische Arbeiter einer Gemeinde in Israel: Sie wurden vom Bürgermeistert eingeladen am Laubhüttenfest teilzunehmen, mitzufeiern. Als sie zu Hause ankamen, wurden sie verhaftet und der Normalisierung angeklagt: Gemeinsam arbeiten: ja, gemeinsam feiern: nein.

Ein besonderes Problem stellt eine Aussage Arafats dar: In den palästinensischen Schulen darf die Bedeutung Jerusalems für den jüdischen/ mosaischen Glauben nicht mehr gelehrt werden, sondern es soll dieses Thema nicht behandelt werden. Das führte dazu, dass nun auch die Unesco beschlossen hat, einen Teil der Geschichte Jerusalems zu streichen.

Montag, 07.11.

Mit dem Besuch des Tempelbergs haben wir unsere ersten Schritte durch Jerusalems Altstadt getan. Die Kontrolle zum Aufgang des Tempelbergs verlief zügig aber genau. Die Warnungen unserer Reiseleitung hatten die meisten nur kleine Taschen und Rucksäcke mitnehmen lassen. Der Tempelberg selber ist nicht so besonders beeindruckend, viel Platz, ein wenig Moschee, die nicht betreten werden darf oder der man sich auf maximal 10 Meter nähern darf (Al Aksa). Aber die arabischen Israelis und Palästinenser haben hier nun etwas zu sagen, können sich wichtig tun. Denn die Öffnungszeiten werden auch beschränkt.

Vom Tempelberg ging es zur Kirche St. Anna, von franz. Mönchen betreut, wo es Hinweise zur Wasserversorgung mit Hilfe von Zisternen (Bethesda) gab. In ganz Jerusalem gab und gibt es nur eine Wasserquelle, so dass Wasser durch wasserführende Tunnel nach Jerusalem zu Zisternen geleitet worden war.    

Von St. Anna folgten wir der Via Dolorosa von der ersten Station des Leidenswegs Christi bis zur letzten Station, der Grabeskirche. Von dort ging es zum Cardo von Jerusalem, der ehemaligen Einkaufszeile von Jerusalem zu Zeiten der römischen Besatzung. Von dort war es nicht weit zur Klagemauer, am Fuße des Tempelbergs. Wo der Tag im Besichtigungsteil abgeschlossen wurde. Überall gab es Erklärungen und Erläuterungen zu historischen und religiösen Bedeutungen und Interpretationen.

Am Abend gab es ein Gespräch mit Dr. … und ihrem Gatten. Dr. …. Sie ist als Kunsthistorikerin an einer Universität … derzeit an alten deutschen Texten interessiert und studiert sie hinsichtlich des Bildes über das Judentum und die benannten religiösen Riten in Deutschland. Ihr Gatte ist ein pensionierter Lehrer, der heute ein Seminar zur jüdischen Literatur gibt, an einem Lehrstuhl einer arabischen Hochschule. Im Rahmen der Ausbildung zum Lehrer müssen die Studenten das Fachgebiet studieren. Auf die Frage nach der Zukunft Israels konnte vor allem er aus seiner Lehrtätigkeit berichten, dass die arabischen Israelis in den Seminaren ein verstecktes Interesse an seiner Person zeigen: Wo geboren, wie waren die Lebensumstände der Eltern als Überlebende der Shoah. Sein Interesse gilt insbesondere den Schul- und Kinderbüchern, in denen die israelischen und die arabischen Darstellungen sich gegenseitig verteufeln und die Abneigung und den Hass vertiefen.

Durch derartige Arbeiten und das leichte Nachfragen versuchen sie die Situation zu erklären und Entspannung zu verschaffen. Eine Absolventin und ein Absolvent können sich an allen staatlichen und privaten Schulen als Lehrer bewerben.

Auf die Frage nach dem Leben in Israel mit Terror und Anfeindungen, antworten beide, dass man sich eingerichtet hat. Man hat die Sicherheitsvorkehren erhöht, eine Mauer zwischen Jerusalem und der Westbank, bewaffnete Kräfte verstärkt im Straßenbild. Man nimmt wahr, dass es Anschläge gibt und gab, so wie man auch mit Verkehrsunfällen umgeht. Die Kinder gehen zu den Veranstaltungen, ob jüdisch oder arabisch, denn in Israel gibt es zwei Amtssprachen: arabisch und hebräisch. Die jungen Leute, aber auch einige ältere, erlernen und beherrschen beide Sprachen. Für Doktoranden in Israel ist es notwendig drei Fremdsprachen zu beherrschen. Es scheint so, als müssten auch die Europäer nach Anschlägen von Paris und anderen europäischen Plätzen eine verstärkte Sicherheitspolitik betreiben. Die Lage in Israel ist aber aus ihrer Sicht nicht besonders gefährlich oder prekär. Es lebt sich so wie in (anderen) europäischen Metropolen. Für die Zukunft hilft nur Geduld.

Dienstag, 08.11.

Das Tagesprogramm begann mit dem Besuch des Ölbergs und der St. Georgskirche. Der Touristenrummel wird hier sehr deutlich. Die Aussicht auf die Altstadt von Jerusalem und das vermauerte Löwentor, durch das der Messias zur Befreiung der Juden schreiten soll – deshalb versuchen viele Juden auf dem Ölberg beigesetzt zu werden, damit sie dann als Erste vom

Messias nach jüdischem Glauben zum Leben wiedererweckt werden. Somit erklärt sich auch,

dass eine Feuer- oder Seebestattung für gläubige Juden indiskutabel sind, aber auch, dass der Hang des Ölbergs gegenüber vom Löwentor nichts weiter ist als ein riesiger Friedhof. Direkt vor dem Löwentor haben die Vorfahren der Araber ihre Toten begraben, um für den Messias einen Hinderungsgrund darzustellen. Wenn das nicht klappen sollte, hat man als weitere Sicherheits-maßnahme das Löwentor zugemauert. Den Ölberg hinab ging es auf einer glatten, rutschigen Straße (ohne Eis) zum Garten Gethsemane. Auch hier gibt es wieder eine Kirche, die an den Leidensweg Jesu erinnert, die Nacht zu Karfreitag.

Dem touristischen Rummel entfliehend ging es von dort zum Außenministerium, wo wir von Herrn …, Abteilung Westeuropa, empfangen wurden. In einem ca. zweistündigen Gespräch erläuterte er die Position Israels zu seinen Nachbarn, gegenüber Europa, vor allem aber gegenüber den Palästinensern in Gaza und auf der Westbank.

Beginnend mit dem Arabischen Frühling vor sechs Jahren beschrieb er die Situation der Hoffnung aber auch der Skepsis mit dem Aufbruch. Jedoch zeigte sich in den Ländern des Aufbruchs ein Mangel an Stabilität. Man nennt diese Länder „Failed States“. Gab es vor 2010 eine komplizierte Situation mit einer klaren Landkarte und Verantwortlichen, sind die Grenzen der Verantwortlichkeit verschwommen, vor allem aber gibt es keine Ansprechpartner mehr. Allein daraus ergibt sich bereits die Notwendigkeit Stärke zu besitzen. Der Krieg in Syrien z. B. ist schrecklich und über alle Maße zu verurteilen. Aber durch ihn ist die Bedrohungslage für den Staat Israel momentan etwas geringer. Die Gefahr von ISIS liegt in der Destabilisierung der Lage. Hat man mit Jordanien und Ägypten Friedensabkommen und sogar diplomatische Beziehungen, so ist derzeit nur der Iran der einzige Staat, der Drohungen gegen Israel ausgesprochen hat. Iran ist aber auch der Staat, dessen Rolle und Bedeutung in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

Israel hat sich in den letzten 60 Jahren zu einem Staat und einer Demokratie europäischen Formats entwickelt, worauf auch alle Israelis stolz sind. Der Wirtschaft geht es gut. Deshalb kommen viele Flüchtlinge auch aus wirtschaftlichen Gründen nach Israel, z. B. aus Eritrea. Ein Grund, um einen Zaun zu errichten, der an der Grenze zu Ägypten bewacht ist.

Diejenigen, die ohne Probleme nach Israel einreisen und dort leben dürfen, sind Juden, denen in der Verfassung ein „Rückkehrrecht“, eine ungehinderte Einreise, gewährt wird.

Israel ist im Nahen Osten auf der Suche nach Partnern. „Demokratien bekämpfen sich nicht!“ Die Türkei ist ein Partner, zu dem das Verhältnis in dieser Zeit schwieriger geworden ist. Im Moment wendet sich die Türkei stärker dem politischen Islam zu, aber es bleibt bei den Handelsbeziehungen. Man spricht von kalter Normalisierung.

Doch:  „Jeder, der mit Israel reden will, ist herzlich willkommen.“

Derzeit sieht man ISIS nicht als Bedrohung. Es gibt keinen Krieg zwischen Israel und dem Islam. Die radikalen sunnitischen Kräfte in den Nachbarländern versuchen einen Konflikt zu entwickeln. Die pragmatischen Kräfte können sich in den Nachbarländer noch durchsetzen.

Aber welchen Wert hätte heutzutage ein Friedensabkommen mit Syrien.

Europa wird von den Israelis kritisch gesehen. Waren die Beziehungen zu den skandinavischen Ländern einst sehr freundschaftlich, unterstützen sie heute verstärkt die Palästinenser. Dies gilt auch für die Bürokratie in Brüssel. Trotz fehlender Baugenehmigung unterstützt die EU den Ausbau von Infrastrukturen, ohne Israel in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Dem Gedanken „Frieden gegen Land“ folgend bot Israel in Camp David den Palästinensern über 90 % der Fläche der Westbank an. Israel räumte innerhalb von vier Tagen die Siedlungen im Gazastreifen mit 10000 Einwohnern. Dennoch wurden kurz darauf die angrenzenden Orte von den extremen Kräften mit Raketen beschossen. Warum Europa/Brüssel Israel als Bad Guy und Palästina als armes Land ansieht, ist nicht nachvollziehbar. Israel besitzt die gleichen Werte wie die westlichen Staaten Europas im Gegensatz zu Palästina und den benachbarten arabischen Staaten. Europa akzeptiert Israel nicht als jüdischen Staat, dabei ist Israel keine Theokratie, sowie in der Verfassung auch kein Wunsch nach religiöser Ausrichtung steht.

In Europa wird ein neuer Antisemitismus wahrgenommen (Großbritannien, Skandinavien und Frankreich). Die letzten größeren Immigrationen waren durch französische Juden. Im gleichen Maße sieht Ben Dov die Rechte der Muslime in Europa erweitert.

Insgesamt betrachtet kann Israel mit dem derzeitigen Zustand leben: Es gibt zwar keine Partner, die für Israel weitere Friedensabkommen bringen könnten, aber auch die Bedrohungslage ist, abgesehen vom Iran, derzeit nicht groß. Für den Frieden in Israel kann man nur auf die Zukunft bauen und hoffen, dass durch Jugendaustausch und Diplomatie die Lage sich verbessert.

Am Nachmittag ging es nach Yad Vashem zu einem Vortrag von …, einer Kindheitsfreundin von Anne Frank. Sie erzählte von ihrem Schicksal und ihren Begegnungen mit Anne Frank in der Zeit bis 1945. Sie war wohl die letzte, die Anne Frank bewusst im Lager Bergen-Belsen wahrgenommen hatte. Nach dem Krieg traf sie noch mehrfach den Vater Frank, der als Einziger der Familie überlebt hatte.

Nach dem Vortrag konnte die Gedenkstätte auf eigene Verantwortung besichtigt werden.

Mittwoch, 09.11.

Auf ging es nach Bethlehem zur Geburtskirche, die aus mehreren Gebäudeteilen besteht, so dass orthodoxe und katholische Christen gleichermaßen an der Geburtsverherrlichung teilhaben können. Die Mosaike im orthodoxen Teil werden gereinigt und entsprechend weiter restauriert.

Weiter ging es nach Beit Jala zu „Lifegate“, einer Einrichtung zur Ausbildung und Behandlung behinderter Kinder. Diese Einrichtung wurde von einem Deutschen, Burghard Schunkert, gegründet und aufgebaut. Er startete als Sozialarbeiter im CVJM, der ihm immer

noch das Gehalt bezahlt, mit Spenden aus Deutschland. Die Einrichtung wird noch immer nur durch Spenden finanziert und ist darum auch noch immer unabhängig, obwohl die Spendenbereitschaft auf Grund der Flüchtlingszahlen in Deutschland stark zurückgegangen ist. Die palästinensische Regierung ziert sich gerne mit dieser Einrichtung, jedoch wird eine Unterstützung immer mit Auflagen der Regierung verbunden, was die unabhängige Arbeit beeinflussen, wenn nicht gar unmöglich machen würde. Deshalb werden in der Einrichtung Waren unterschiedlichster Art hergestellt, um sie dann z. B. auch auf Weihnachtsmärkten in Deutschland zu verkaufen.

Am Nachmittag besuchten wir einen Siedler, …, auf der Westbank. Er kam vor über 35 Jahren aus den Niederlanden … nach Israel. Er suchte eine Wohnung im ländlichen Umfeld, wie in seiner alten Heimat. Man bot ihm an in einer Siedlung auf der Westbank zu leben, ca. 22 km von Jerusalem entfernt.  Zum Schutz sind die jüdischen Siedlungen auf der Westbank wie auch andere Siedlungen umzäunt und bewacht, durch private Sicherheitskräfte. Die Westbank, ehemals Teil Jordaniens, wurde von den Israelis im 6-Tage-Krieg erobert und nach langwierigen Verhandlungen mit palästinensischen Führern in drei verschiedene Zonen eingeteilt: A, B, C.

Zone A: Verwaltung und Sicherheitsbehörden unterstehen den palästinensischen Behörden.

Zone B: Die Verwaltung wird durch die Palästinenser, die Sicherheit durch die Israelis organisiert.

Zone C: Verwaltung und Sicherheit werden durch die Israelis durchgeführt

Die Zone A, z.B. Ramallah, Hebron, Jericho aber auch Gaza, ist allgemein für jüdische Israelis gesperrt, von der israelischen Regierung aus. Die Begründung liegt in möglichen Entführungen.

Ein Siedler darf sich nur in Zone C (70 %) niederlassen, und zwar auf Gebieten, die durch die Regierung verwaltet werden. Die Palästinenser, die vor 1967 bereits hier lebten, behalten Wohn- als auch Gewerbe- und Ackerfläche. Sie können nur noch untereinander Landflächen handeln.

Die Regierung hat das Land, das vor dem 6-Tage-Krieg öffentlich war, übernommen und verwaltet es für die Zone C. Die Siedler erhalten für ihre Parzelle einen Erb-Pachtvertrag, der sie berechtigt, ihr angegebenes Vorhaben umzusetzen. Jedoch steht als letzter Satz unter den Unterschriften, dass dieser Vertrag aus Gründen, die von der Regierung festgelegt werden, jederzeit und unmittelbar kündigungsfähig ist und seine Wirkung aufgehoben ist.

Dies hat jeder Siedler unterschrieben und jeder weiß es auch. Aus Sicht des Siedlers sind mehr als 80 % der Siedler damit auch einverstanden, wenn es denn Frieden geben würde und nicht so ausgeht, wie es im Gazastreifen passiert ist. Die einzigen, die sich einer Aussiedelung entgegenstemmen würden, sind die orthodoxen Juden, die das gelobte Land für sich und den Messias bereiten wollen.

Dass die Siedlung seit ihrer Gründung vor 35 Jahren auf einem kahlen Hügel das Land ansehnlicher machte, ist nicht bestreitbar. Um die Häuser herum wurden mit viel Arbeit und Wasser Kulturpflanzen angebaut und sind im Laufe der Zeit so gewachsen, dass die Anlage einem öffentlichen Park gleicht.

Im Gespräch am Abend mit …, …, wurde die Position Israels nochmals verdeutlicht und konkretisiert. Derzeit gibt es keine offiziellen Gespräche mit den Palästinensern. Man empfindet die Auswirkungen dieser Gespräche als Ohrfeigen und er nannte Gaza als das krasseste Beispiel. Aber auch die nahezu täglich aus dem Gazastreifen nach Israel abgeschossenen Raketen sind ein Beleg, dass Gespräche derzeit unsinnig sind. Die Sicherheitskräfte in Israel und in der Westbank reden und arbeiten mitunter gemeinsam, so um terroristische Angriffe zu verhindern. Denn jeder Terrorakt hat direkte Auswirkungen auf das Leben und den Wohlstand der palästinensischen Bevölkerung.

Hier wird auch deutlich, dass man in Israel mit dieser Situation gut leben kann, auch wenn der palästinensische Präsident Abbas bereits seine dritte Amtszeit ohne Wahl bestreitet. Denn würde gewählt, kommen die politischen und nicht die privaten Haltungen zum Tragen, und man erwartet einen Sieg der Hamas (Hamas und Hisbollah werden vom Iran und Syrien unterstützt).

Doch sowohl 80 % der Israelis wie auch 80 % der Palästinenser würden die Festschreibung des Status quo unterstützen und ein Friedensabkommen wollen. Man hat sich eingerichtet und profitiert auf beiden Seiten von diesem nicht benannten Friedenszustand.

In Bezug auf seine weiteren Nachbarn sieht Israel sich froh, kein Friedensabkommen mit Syrien abgeschlossen zu haben, denn mit wem sollte man heute dieses Abkommen umsetzen.

In der direkten Nachbarschaft auf dem Golan bekämpfen sich demokratische und islamische Kräfte in Kuneitra. Teilweise kann man direkt zuschauen, wie sie sich gegenseitig Fallen stellen. In einem israelischen Feldlazarett in der entmilitarisierten Zone werden aber Menschen beider Seiten sowie Zivilisten medizinisch versorgt, wenn sie nicht sogar auf Grund der Schwere der Verletzung in ein Hospital gebracht werden müssen. Jeder Tote ist einer zu viel, aber momentan sind die radikalen Kräfte miteinander beschäftigt und kümmern sich nicht um Israel. Ab und zu kommt es vor, dass Querschläger oder Raketen sich irrtümlich auf israelisches Gebiet verirren, aber die entsprechenden Seiten bekennen sich umgehend zu dem Irrtum und entschuldigen sich.

Die Nachbarstaaten und das israelische Verhältnis zu diesen, werden von … wie folgt beschrieben: Libanon wird als Ableger von Syrien betrachtet, die Hisbollah ist derzeit mit Kämpfen in Syrien beschäftigt und kann momentan kaum Aktionen gegen Israel durchführen. Die vielen israelischen Bunkeranlagen im Norden bleiben z. Zt. ungenutzt.

Jordanien kann ohne Israel so nicht überleben. Israel schenkt (überlässt) jährlich 51 Mio.m³ Trinkwasser aus den Jordanquellen Jordanien. Auch technologische und wirtschaftliche Zusammenarbeit hat sich etabliert. Eine Partnerschaft hat sich stillschweigend etabliert.

Das Verhältnis zu Ägypten wird ähnlich gesehen. Seit Präsident Sisi den „Terroristen“ Mursi abgesetzt hat, ist Ägypten berechenbarer geworden, es bekämpft verstärkt die Terroristen auf dem Sinai, auch mit militärischen Kräften, obwohl laut Abkommen zwischen Israel und Ägypten der Sinai entmilitarisiert sein sollte.

Libyen ist vollkommen zerstritten, Tunesiens Wirtschaft liegt auch darnieder, der Tourismus in Nordafrika ist vollkommen zusammengebrochen. Der Arabische Frühling ist wohl eher ein „Iranischer Winter“.

Die derzeit einzige Bedrohung kommt vom Iran. Aber auch Europa sollte seine lasche Haltung überdenken. Denn wer die iranische Presse studiert, kann nahezu täglich lesen, wie der Islam in Europa verbreitert werden sollte.

Das Verhältnis zu den USA ist ein besonderes. Ohne die militärische Unterstützung der USA kann Israel nicht überleben. Nur durch die militärische Unterstützung mit frischen Waffen von den Amerikanern konnte der Jom-Kippur-Krieg gewonnen und ein Untergang Israels verhindert werden.

Israels innenpolitische Lage wird als stabil eingeschätzt. Die Zuwanderung aus Europa und anderen Ländern der Welt lässt die Bevölkerung stetig wachsen. Dadurch, dass Waren aus der Westbank von der EU boykottiert werden, mussten die Arbeitsplätze verlegt werden. (Siehe Botschaftsbesuch am 16.11.).

Auch im High-Tech-Bereich ist das Wachstum zu spüren, Start-ups, aber auch die Chemieindustrie (Teva) boomen. In vielen Bereichen stehen israelische Industrien auf den vorderen Plätzen. Der Tourismus hat während des Arabischen Frühlings auch in Israel eine Abschwächung erfahren, inzwischen besuchen 3 – 4 Millionen Touristen jährlich wieder das Land.

Israel boomt, das jährliche Wirtschaftswachstum liegt zwischen 2 und 3 %, die Inflation ist gering. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt 38 000 $/ Einwohner, gesamt 306 Mrd.$ in 2014, das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei über 2 500 €/mon.

Donnerstag, 10.11.

In der Wüste Negev wurde eine Anlage für „Urban Gardening“ besucht. Hier wurde demonstriert, wie die Wüste durch Arbeit und Wasser fruchtbar gemacht wird. Hier wird auf effiziente Weise versucht, Gemüse und Obst anzubauen, um so der städtischen Bevölkerung Anbaumethoden zu zeigen, so dass sie für sich ebenfalls auf kleinem Raum frische Waren selber anbauen können.

In dieser Anlage wird für die Aufzucht des Gemüses Wasser mit einer Tröpfchen-Bewässerung eingesetzt: an den Pflanzen werden Bewässerungsschläuche mit Regulierventilen (dripregation) eingesetzt, die Wasser tropfenweise abgeben. Dabei bildet sich im Erdreich ein befeuchteter Erdballen auch um den Wurzelballen. Zusätzlich wird über ein Computerprogramm die Wasserversorgung so gesteuert, dass es eine lange Bewässerungszeit am Morgen (6 –10 Uhr) und eine kurze am Abend (18 – 19 Uhr) gibt. Dadurch wird die Verdunstung gering gehalten, der Wasserverbrauch ist begrenzt und wirkt nur auf das Erdreich. Dass die Wasserpreise eine wesentliche Rolle spielen, wird auch hier deutlich.

Für den Verbrauch in Israel gibt es verschiedene Berechnungsgrundlagen:

Für den privaten Verbrauch wird in Abhängigkeit von der Anzahl der Personen eine Wassermenge je Monat ermittelt zu einem Preis von  ca. 8,2 NIS/m³. Wird diese Menge überschritten, so erhöht sich der Preis um 50 % auf 12,3 NIS/m³.

Für den Gärtnereibedarf liegt der Preis bei 5,2 NIS/m³, für die landwirtschaftliche Nutzung müssen 2,7 NIS/m³ bezahlt werden, aber hier wird wiederaufbereitetes Wasser genutzt.

Das Wasser für das Gemüse muss Trinkwasser sein, da die Pflanzen ihren entsprechenden Eigengeschmack behalten sollen. Die Bewässerung langsam wachsender Pflanzen, wie Obstbäume und Getreide, erfolgt mit wiederaufbereitetem Wasser. Die Wasserversorgung ist mit Hilfe von Meerwasserentsalzungsanlagen stabil und garantiert. Ein weiterer großer Teil des Trinkwassers stammt aus dem See Genezareth, ein geringerer aus Tiefbrunnen.      

Derartige Gärten gibt es inzwischen in vielen Städten Südisraels mehrfach. Das Gemüse wird auf verschiedenen Märkten angeboten oder über Internetbestellung als Gemüsebox geordert und verteilt.. Hinzu kommt, dass saisonal das Gemüse gezogen wird: im Winter Wurzelgemüse und Blumen, im Sommer Früchte und Buschgemüse. Leben kann von diesem Garten nur eine Person, zwei weitere haben eine Teilzeitbeschäftigung. Die Flächen werden von der Stadt zur Verfügung gestellt, einzäunen muss man sie aber schon selbst. Derzeit gibt es auch für die Wasserversorgung eine Subventionierung.

Hinzu kommt noch ein Projekt des äthiopischen Gartens und des öffentlichen Obstgartens. Der äthiopische Garten diente zum einen zur Eingliederung äthiopischer Flüchtlinge aus dem benachbarten Immigrationszentrum. Nicht nur für die Produktion bekannter Nahrungsmittel, sondern auch zur Stabilisierung des sozialen Gefüges wurde der Garten eingerichtet. Da sich Kinder schneller in eine neue Gesellschaft einleben und somit einen Wissensvorsprung gegenüber den Eltern haben, wurde über das Gärtnern die Autorität der Eltern teilweise gestärkt, da sie wussten, wie die Pflanzen zu behandeln waren.  

Der öffentliche Obstgarten ist ein Versuch, die urbane Bevölkerung für Obst zu gewinnen. Ob es gelingt, wird sich zeigen.

Am Nachmittag wurde ein touristisch-historischer Teil durchgeführt. Vom Kibbuz Sede Boker aus, in dem der Staatsgründer Ben Gurion teilweise lebte, ging es in die angrenzende Wüste, die jener Mann so verehrte. Die Wüste Negev ist hier ein Naturpark, bestehend aus Gestein, Gips und etwas Sand.

In ihm kann an ausgewiesenen Stellen gecampt werden, um Stille und Klarheit der Nacht zu genießen. Das Farbspiel von Sonne und Gesteinsformationen hatte eine eigene Ausstrahlung.

Freitag, 11.11.

Der Morgen begann mit einer kurzen Schulung zum Thema Kibbuz. Kibbuze waren ursprünglich Gemeinschaften, die sich dem sozialistischen Gedanken verpflichtet fühlten. Die Bewohner erarbeiteten in der Landwirtschaft das Notwendige zum Leben. Allen gehörte alles. In der ersten Phase ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts bewirtschafteten sie gekaufte oder gepachtete Flächen. Mit sehr viel Engagement und Entbehrungen machten sie brachliegende Flächen ur- und nutzbar. Der Erfolg zog Neider nach sich. Andererseits wurden die Fremden als Nachfolger der Kreuzzügler angesehen. Nach der Unabhängigkeit Israels wurden auch Kibbuze so angelegt, dass sie als erste Verteidigungsbastionen gegen arabische Feinde dienten.

Der Kibbuz Mashabei Sade, in dem übernachtet wurde, war 1980 gegründet worden, um die Wanderungsbewegungen der Beduinen in der Wüste Negev einzuschränken und sie zur Sesshaftigkeit zu bewegen. Ackerflächen konnten nicht mehr von Beduinen vorübergehend genutzt werden. Dieser Kibbuz geriet ca. 2007 in finanzielle Schwierigkeiten, so dass die rein landwirtschaftliche Ausrichtung mit dem sozialistischen Gedanken aufgegeben wurde. Die verbliebenen 25 Kibbuzbewohner begründeten eine Genossenschaft und erweiterten ihren Landwirtschaftsbetrieb um einen Hotelbetrieb. Hinzu kommt, dass heute jeder sein eigenes Konto besitzt, aber auch nicht jeder in dem Kibbuz arbeiten muss. Nach einem Probejahr werden die neuen Mitglieder aufgenommen oder abgewiesen. Heute gibt es ca. 100 Mitglieder in dem Kibbuz.

Vom Kibbuz ging es nach Rahat, einer Stadt, in der die Beduinen eine Heimat finden sollen. Rahat ist nicht die einzige, aber die erste und größte. Der Bürgermeister von Rahat stieg zu und erklärte uns auf einer Stadtrundfahrt die Geschichte, Gegenwart und Zukunft seiner Stadt.

Rahat wurde 1972 auf einer Fläche von 42 km², 4200 ha, im Beduinenland gegründet. Ziel war es, die Beduinen anzusiedeln, um auch für sie eine Versorgung in Bildung, Medizin und Wohlfahrt zu gewährleisten. Die Frage war, ob die vielen verschiedenen Beduinen-Stämme auf so engem Raum zusammenleben konnten. 1994 erhielt Rahat Stadtrechte, heute leben in der Stadt 70 000 Einwohner, angestrebt werden bis zu 120 000 Einwohner. Die Bevölkerung wächst, 60 % der Einwohner sind unter 18 Jahre, nur 2 % alter als 65 Jahre. Es gibt bisher viele Kindergärten und 18 Schulen, angestrebt sind 160 Kindergärten und 36 Schulen. Aber auch 18 Moscheen existieren bereits. Die Arbeitslosigkeit beträgt derzeit 30 %. Deshalb entwickelt Rahat ein Industriezentrum, gemeinsam mit zwei benachbarten israelischen Siedlungen. So ist SodaStream aus der Westbank hierhergezogen und stellt 1 500 Arbeitsplätze, insbesondere für Frauen, zur Verfügung. In einer benachbarten Kartonagenfabrik werden 900 Plätze geschaffen. Weitere Industrieansiedlungen sind geplant. Jeder geschaffene Arbeitsplatz zieht Förderung nach sich. Besonderes Augenmerk gilt der Frauenförderung: Da sich die Rolle der Frau auch hier wandelt, sie heute mehr Bildung und eine veränderte Verantwortung besitzen als früher, sinkt die Anzahl der Kinder je Frau von 5,5 (1994) auf 3,5 (heute).   

Waren früher 250 000 Beduinen in Wellblechhütten auf der Wanderschaft, so sind es heute noch 70 000, die nach alter Tradition auf dem Land leben. Auf dem städtischen Grund gibt es noch 25 Siedlungen, wobei die Kinder bereits zur Schule gehen.

In der alten Innenstadt wurden nur eingeschossige Häuser zugelassen, inzwischen wird auch mehrgeschossig gebaut. 4 000 Häuser sind bereits neu gebaut, wobei die Familien sie hauptsächlich in Eigenarbeit fertigstellen. Das dauert zwar länger aber es bindet die Familien stärker. 7 000 Häuser sind geplant.

Derzeit leben noch ca. 45 000 Beduinen als Nomaden, doch auch für sie versucht die Regierung ansprechende Lösungen zu finden.

Von Rahat ging es weiter zur Festung Massada, der großen Festung des König Herodes. Als geschichtsträchtiger Ort gilt die Festung, da nach einem jüdischen Aufstand gegen die Römer im 1. Jahrhundert die Zyloten sich auf die Festung zurückzogen. Da die Römer aber alle Aufständischen unterwerfen und versklaven wollten, versuchten sie auch Massada einzunehmen. Drei Jahre belagerten sie die Festung und ließen in der Zeit eine riesige Rampe von jüdischen Gefangenen bauen. Als sie am Ende die Festung einnahmen, fanden sie nur noch Tote, die sich zum ersten bekannten Massenselbstmord verabredet hatten. Als Folge dieses Aufstands lehnten die Juden für Jahrhunderte militärische Auseinandersetzungen und wehrhaftes Verhalten ab.   

Am späten Nachmittag wurde auf dem Weg zum See Genezareth ein Badestop am Toten Meer eingelegt. Anschließend ging es im Dunkeln im Kibbuz Nof Ginosar zum festlichen Abendessen (Sabbat) und zur Übernachtung.

Sonnabend, 12.11.

Am Sonnabend wurde zunächst die Kirche der Seligpreisung aufgesucht. Ein herrlicher Ausblick auf den See Genezareth. Die darauffolgende Fahrt auf dem See begann mit dem Rettungsversuch einer chinesischen Reisetasche. Auf dem See konnte man eine Stille erleben, gut für eine Andacht.

Dann wurde ein Zwischenstopp in dem Kibbuz Hokuk eingelegt, um mit einer Nachfahrin von Kibbuzgründern über die Entwicklung der Kibbuze zu sprechen. … verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Kibbuz und verließ ihn zum Studium. Danach blieb sie in der Fremde und arbeitete. Als sie Mutter wurde, kehrte sie mit ihrem Ehemannn in den Kibbuz zurück. Sie wollte ihren Kindern eine ähnliche Geborgenheit geben, wie sie sie im Kibbuz erfahren hat. So war die Erziehung der Kinder früher durch Kinderhäuser eher freier und offener, mit Ausflügen in die Natur. Doch die geringe gemeinsame Zeit mit den Eltern wurde von der betroffenen Generation abgelehnt und die Kinderhäuser verloren ihre Bedeutung. Heute gehen die Kinder in unterschiedliche staatliche Schulen, nur die im Kindergartenalter bleiben im Kibbuz. Doch nachmittags kommen alle in den kibbuzeigenen Hort, tauschen sich aus und lernen gemeinsam.

Abends sind sie dann bei ihren Familien. Es war ein harter Kampf, den ihre Schwester als erste führte, um ihre Kinder bei sich zu haben, doch der Kibbuz von damals ändert sich fortwährend.

Früher waren die Kibbuze landwirtschaftlich ausgerichtet, heute arbeiten die wenigsten Kibbuzbewohner noch in der Landwirtschaft, es gibt bessere Einkommensmöglichkeiten. Diejenigen, die hier ihr Geld verdienen, sind Araber oder sie arbeiten in sozialen Berufen oder an leitender Position. Gab es früher ca. 100 Aktivisten, so sind es heute 350 Mitglieder. Auch arabisch-jüdische Familien können hier leben. Alle leben in einer finanziellen Unabhängigkeit, habe ihre Berufe, vielleicht im Kibbuz oder außerhalb. Dabei wurde zunächst so etwas wie eine Genossenschaft gegründet. Auf Grund der unterschiedlichen Zielvorstellungen, vegetarisch, ökologisch oder ökonomisch, ist man nun auf der Suche nach einer geeigneten Körperschaft, um eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln.

Auf diese Art geht nun der Kibbuz in eine dritte Entwicklungsphase zu einer stärkeren Individualisierung.

Anschließend ging es auf den Golan. Zum Essen fanden wir uns ein bei einer sehr emanzipierten drusischen Frau, Frau …. Die Situation auf dem Golan ist von dem Wechsel von syrische in israelische Herrschaft dominiert. Im Jom-Kippur-Krieg gab es hier die höchsten Verluste. Die Drusen, von denen ca. 25 000 in Israel leben, waren in diesem Krieg loyal zu Israel. Dennoch versuchte Syrien die Drusen für sich zu gewinnen, indem sie auch nach dem Krieg einen kleinen Grenzverkehr zuließen, das Obst von Drusen, die nicht mit Israelis kooperierten, zu erhöhten Preisen abkauften oder aber auch Studienplätze für junge Drusen in Damaskus zur Verfügung stellten.

Auf dem Golan wird sehr viel Obst angebaut, das die Drusen sehr wohlhabend gemacht hat. Dieser Wohlstand ermöglichte Frau … gegen die Widerstände der drusischen Kleriker und Muftis für Frauen zunächst untersagte Tätigkeiten aufzunehmen und die Widerstände so zu überwinden, dass auch weitere Frauen die Freiheiten annehmen konnten. Da die drusische Religion eine „geheime“ Religion ist, deren Schrift nur eingeweihte Drusen lesen dürfen, war vieles nur vom Hörensagen erlaubt oder verboten. Das führt natürlich zum Hinterfragen der Regeln und festgelegten Bräuche.

Zum Abschluss des Besuches auf dem Golan wurde noch ein Blick von einem Aussichtspunkt auf das syrische alte, unbewohnte alte Kuneitra und das neue Kuneitra geworfen. Angeblich haben hier derzeit religiöse, fanatische Kräfte die Oberhand. Die Lage wirkte ruhig, aber dennoch gespannt, weil die alten Stellungen aus den Kriegen für die Besucher begehbar gemacht worden sind. Da nützte auch die Errichtung des Coffee Annan (Sprachspiel: übersetzt „Kaffee/Café im Himmel“ oder Anspielung auf den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Anan) nicht viel.

Sonntag,13.11.

Auf ging es nach Kapernaum, einem Ort am See Genezareth, in dem Jesus stark wirkte, aus dem Simon Petrus stammte. Die Ausgrabungen konnten mit Hilfe der Reisebegleitung ein wenig von der Lage und dem Leben in der damaligen Zeit verständlich machen. Zentrales Gebäude war eine Synagoge, denn Jesus war Jude. Auch hier gab es den touristischen Rummel, den die Christen im Land verursachen.

Von Kapernaum ging es nach Safed, der höchstgelegen Stadt Israels (840 m). Aus dieser Stadt stammt Abu Abbas. Sie entwickelte sich zum einen zu einer Stadt mit vielen Künstlern. Ebenfalls wichtig ist die Synagogenreform des Rabbi Ashkenasi, der hierher kam und wirkte. Saßen die Besucher in einer Synagoge kreisförmig in mehreren Reihen an den Außenwänden, so veränderte Ashkenazi die Sitzordnung und richtete sie in Reihen zum Thoraschrein aus. Aber auch in der Auslegung der Religionsregeln wurden Weiterentwicklungen vorgenommen.

Von Safed ging es hinunter an die Küste zur alten Hafen- und Kreuzfahrerstadt Akko. Die Altstadt ist auf den Hallen der Kreuzfahrer des 11. und 12. Jahrhunderts aufgebaut. Diese Hallen dienten dem Johanniterorden als Unterbringung für gestrandete, kranke und verletzte Christen. Die gewaltigen Ausgrabungen und folgerichtig die riesigen Räume sind beeindruckende Denkmäler, die nicht zu Unrecht als Weltkulturerbe anerkannt wurden.

Von Akko ging es am späten Nachmittag nach Nes Ammim, einer kibbuzartigen, christlichen Gemeinschaft. Zur Anlage und zur Geschichte später mehr. In Nes Ammim trafen wir am Abend Dr. …, einen muslimischen Araber, der … mit der Einrichtung intensiv zusammenarbeitet und eines der Mitglieder des Center of Learning Dialog (CLD) ist. Bis vor zwei Jahren wohnte er in einem benachbarten arabischen Dorf, heute lebt er in einer Neubausiedlung, die von Nes Ammim mit einem Bauunternehmer gemeinsam entwickelt wurde und deren Häuser anschließend an arabische und jüdische Israelis verkauft wurden.

Als Sohn von Eltern, die Flüchtlinge im eigenen Land waren, taten seine Eltern alles, um ihm und seinen Geschwistern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Land ist für alle Araber wichtig, da Grundeigentum auch Anerkennung und Ehre bedeutet. Verliert man sein Land, verliert man auch einen Teil der Ehre. Land ist also ein wesentlicher Konfliktpunkt zwischen dem Staat und seiner Bevölkerung.

Auch Sprache ist ein Problem, Arabisch wird in jüdischen Schule 6 Jahre lang mit 2 Stunden je Woche unterrichtet. In den arabischen Schulen wird Hebräisch als Sprache der Reichen und der Sieger unterrichtet, so dass die arabischen Kinder Hebräisch besser können, so dass sie bessere Lebenschancen erhalten. Dr. … sieht Sprachunterricht auch als Kulturunterricht. So sind in seinen Seminaren vom CLD organisiert jüdische Erwachsene aus allen Schichten der Gesellschaft, von Offizieren der Armee bis hin zu Rentnern. In der Schule wird die Sprache nicht als Sprache und Kultur des Feindes, sondern des Nachbarn unterrichtet.

Die Nachbarn sind da, also lasst uns das Beste daraus machen. Wenn beide Seiten auf Grund der bestehenden Verhältnisse aufeinander zugehen, könnte Frieden entstehen. Erziehung kann viel bewegen: Sie klärt auf, wie man in anderen Gesellschaften zusammenlebt, und sie schafft Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Erfolg. Sind die ökonomischen Bedingungen annähernd gleich, könnten viele kreative Lösungen den Konflikt beenden. Eine starke Infrastruktur auch in Sachen Bildung, führt zu Anerkennung, Demokratie und Frieden.

Der Nahe Osten kann dann auch Positives in die Welt ausstrahlen, nicht nur Negatives wie Ölkrise oder Terrorismus. Er glaubt, der Fundamentalismus hat seinen Höhepunkt überschritten und ist bereits abnehmend. Es gab und gibt Fundamentalismus in allen Religionen. In seiner Wahrnehmung glauben viele daran, aber wagen es nicht, darüber zu sprechen. Die Regierungen sind es häufig, die eine breite Bildung verhindern, da sie keine Veränderung wollen.

Während des Arabischen Frühlings, den er eher als Spätherbst bezeichnet, studierte er gerade in Kairo. In den arabischen Ländern ist es noch ein weiter Weg zur Demokratie. Wären die Leute gebildet und wirtschaftlich zufrieden, würden sich auch hier Demokratien etablieren. Es scheint so, dass die westlichen Regierungen kein Interesse an Bildung der breiten Schichten haben. Und so stellt er die Frage, warum der Arabische Frühling nicht auf der arabischen Halbinsel  erfolgreich war oder stattfand.

Um die Bildung weiter voran zu bringen, fährt er mit gemischten Gruppen … zum Verwaltungssitz von Nes Ammim und bearbeitet dort Lerninhalte zur Shoa und zum jüdisch-arabischen Konflikt auch mit deutschen Studenten. Mit Hilfe der Uni … wird dann eine UN-Simulation durchgespielt, „Mini UN“. Dies wird von deutscher Seite unterstützt.

Zu seiner Wohnsituation erklärt Dr. …, dass eigentlich geplant war, in dieser Siedlung eine Durchmischung von 50 zu 50 zu erreichen. Aber von den 90 Häusern sind nur fünf an arabische Familien gegangen. Auf die Frage, warum die Verwaltung von Nes Ammim nicht gegengesteuert habe, antwortet er, dass der Preis für ein Haus ca. 350 000 € betrug. Außerdem wollte der Bauunternehmer, dass es eine gute Wertsteigerung geben sollte, inzwischen werden diese Häuser auf 500 000 € taxiert Zu viele arabische Bewohner würden diese Wertsteigerung mindern. Jedoch werden für einen neuen Bauabschnitt preiswertere Häuser geplant.

Als er sich vor drei Jahren entschied hier einzuziehen, hatte er Befürchtungen, dass er von seinen arabischen Freunden und Verwandten gemieden würde. Jedoch haben ihn viele zu diesem Schritt beglückwünscht. Er hat wieder Grundbesitz, wenn auch nur Pachtland, er hat einen Zugewinn an Ehre. Seit seiner Kindheit lebt er hier und deshalb will er auch hier bleiben.

Bei den jüdischen Bewohnern sieht es etwas anders aus. Sie kamen her, um dem Stadtleben zu entfliehen, weniger um an einem Dialog teilzuhaben. Über die Kindergespräche mit den Nachbarskindern erfährt er, dass er der Einzige zu sein scheint, der an den Dialog in dieser Siedlung glaubt. Das ist für ihn eine Ehre.

Doch sie feiern gemeinsam die hohen Feste der Religionen, z. B. Rosh Haschana oder das Opferfest.    

Auf die Frage, was seinen Optimismus so stark macht, antwortet er, dass er bei den Israelis wie bei den Arabern ein verstärktes Interesse feststellt, die Gegenseite kennenzulernen. Von offiziellen Stellen wird das Siedlungsvorhaben unterstützt. Für ein geplantes arabisch-jüdisches Kinder-Sommercamp im kommenden Sommer, abgehalten in englischer Sprache, werden immer noch neutrale Volontäre gesucht, vielleicht gibt es Bewerber aus Berlin.   

Montag, 14.11.

Der Tag beginnt mit einer Führung von Dr. … durch die Siedlung Nes Ammim. In einem kleinen Museum erklärt er an einem Zeitstrahl die Gründung von Nes Ammim Anfang der 60er Jahre durch Niederländer und Schweizer. Sie wollten die Unkenntnis über das jüdische Leben durchbrechen und im Land der Juden eine Begegnungsstätte für junge europäische Christen und Juden errichten, Sie kauften dazu ein Grundstück von 1 Million m² für einen Betrag von 1 Million € von einem Vorsteher einer arabischen Großfamilie ab. Dieses Grundstück lag benachbart zu einem arabischen Dorf und einem jüdischen Kibbuz. Da sie zunächst keine Baugenehmigung erhielten, lebten sie in einem alten Omnibus. Der Rabbi des benachbarten Kibbuz befürchtete Missionsarbeit und war zunächst gegen diese Einrichtung und wollte auf diese Art die Arbeit verhindern. Er beobachtete die Gruppe und nachdem ihm versichert wurde, auf jegliche Missionsarbeit zu verzichten, erhielt die Gruppe um Herrn und Frau Pilon die Genehmigung, ein festes Gebäude zu errichten.

Die Ausrichtung war ganz klar eine Begegnungsstätte, in der auch landwirtschaftlich gearbeitet wurde. Es begann mit einer Rosenzucht und für den Baubereich mit einer Tischlerei. In den 70ern zogen sich die Schweizer zurück und die ersten Deutschen kamen nach Nes Ammim.

Für die Freiwilligen mussten Unterkünfte und eine Großküche errichtet werden, und so begann man auch einen Hotelbetrieb aufzubauen. Junge Freiwillige aus Europa arbeiteten in der Rosenzucht und erhielten Kost und Logis frei, bei gleichzeitig parallel laufendem Kulturprogramm. Auch immer mehr Einheimische, Juden und Araber, nahmen an dem Programm teil.

Als auf Grund eines Freihandelsabkommens der EU mit südamerikanischen Staaten um die Jahrtausendwende die Rosen keinen Gewinn mehr abwarfen, versuchte man sich mit Avocados. Der Hotelbetrieb lief mehr oder weniger kostendeckend. Kamen in Europa schlechte Nachrichten an aus dem Nahen Osten, gingen die Besucherzahlen deutlich zurück: z. B. in der Kuwait-Krise oder der ersten und zweiten Intifada. Man war gewillt, nach über 40 Jahren Betrieb Anfang des Jahrtausends Nes Ammim zu schließen. Doch da traten die Nachbarn an sie heran und baten weiterzumachen, denn dieses Gasthaus war ein kleiner Fleck auf der Erde, an dem sich arabische und jüdische Jugendliche und Erwachsene unverdächtig treffen konnten. Da der Hotelbetrieb nicht als konstante Einkommensquelle zur Verfügung steht, kam man auf die Idee nicht mehr genutztes Land als Bauland zu verpachten. Somit wurde eine kleine Siedlung gebaut, in dem Gedanken vertrauensbildende Maßnahmen zwischen Arabern und Israelis zu intiieren.

An den Unterkünften für Volontäre vorbei ging es zum Haus der Gebete, ein Gebäude, das für alle monotheistischen Religionen errichtet worden war, was durch eine Skulptur im Eingangsbereich anschaulich dargestellt wurde. Mit einem kräftigem „Laudate Dominum“ wurde der Besuch abgeschlossen.

Von Nes Ammim ging es nach Haifa zur Leo Baeck Schule. Empfangen von Frau … wurde die Leo Baeck Gesellschaft und ihr Hintergrund und Werdegang erläutert.

Die Gesellschaft hat hier in Haifa drei Standbeine: die Leo Baeck Schule, die Leo Baeck Gemeinschaft und das Leo Baeck Institut. Der Berliner Rabbiner Leo Baeck war als säkulärer Jude weltoffen und vertrat Humanismus und Pluralität.

Ein Schüler von Leo Baeck, Rabbiner Elk, gründete 1938 die Schule. Heute besuchen 2.500 Schüler die Einrichtung vom Vorschulalter bis zum Ende der High School, was z.B. bis zum 21. Lebensjahr dauern kann, beispielsweise für autistische Kinder.

In dieser Schule gibt es ein Programm „Friends for ever“, das von Amerikanern organisiert wird.

Es verläuft auf drei Stufen und bringt jüdische und arabische Kinder aus Haifa zusammen.

1. Kennenlernen und vertrauensbildende Maßnahmen bei einem Seminar in Haifa,
2. Aufbauphase für gemeinsame Aktivitäten bei einem zweiwöchigem Kurs in den USA, in diesem Jahr in New Hampshire,
3. gemeinsame Projekte in Israel.

Dieses Programm wird jährlich mit je 5 Schülern durchgeführt. Einer der fünf anwesenden Schüler hatte in diesem Jahr ein gemeinsames Pfadfindertreffen von arabischen und jüdischen Kindern organisiert. Einer der Jungs wollte eigentlich nicht an diesem Treffen teilnehmen, doch aus Respekt vor dem Organisator blieb er dabei. Hinterher habe er sich ausdrücklich dafür bedankt, auch arabische Pfadfinder kennenlernen zu dürfen.

Die Sprache bei diesen Treffen ist Hebräisch, Arabisch oder Englisch. Aber auch mit amerikanischen Schülern haben sie sich treffen dürfen, allerdings ohne vorbereitende Maßnahmen über Handy oder „Wifi“ (WLAN), sondern „face to face“.  

Nachdem die Schüler ihren Vortrag beendet hatten stand Herr …, ein alter Straßburger, auf. Als ehemaliger Sozialpädagoge der Schule stellte er fest, dass natürlich die Sprache ein Problem sei, in seiner Schule wurde Französisch, daheim Elsässisch-Deutsch gesprochen. Und natürlich haben die Religionen Einfluss auf den Friedensprozess: umso zwingender ist Aufklärung und Bildung.

 

Auch … begeisterte, als er von seiner Tätigkeit in der Gemeinde berichtete. In einer gemischten Nachbarschaft, die so nur in Haifa existiert, leitet er ein Zentrum, in dem viele überreligiöse Veranstaltungen durchgeführt und Einrichtungen betrieben werden. So gibt es einen Kindergarten für alle Kinder, Clubs und Gesprächskreise für Erwachsene, auch nach Geschlecht getrennt. Die Gemeindemitglieder bringen sich ein. So feiern sie alle hohen Feiertage in ihrer Gemeinde mit den jeweiligen traditionellen Gebräuchen. Aus ganz Israel kommen Menschen zu ihnen, um zu erfahren, wie dieses Zusammenleben funktioniert, selbst Geistliche.

Warum dies in Haifa so gut klappt? … hat dafür folgende Erklärung:

1. Der 1914 eingesetzte muslimische Bürgermeister wählte aus den zwei anderen großen Religionen je einen Stellvertreter und erarbeitete mit ihnen, wie das Zusammenleben von der Stadtverwaltung gefördert werden konnte. So wurde Hebräisch als zweite Amtssprache eingeführt. So werden auch noch heute die Stellvertreter des Bürgermeisteramts so besetzt, dass alle Religionen vertreten sind und sie in Toleranz ein Zusammenleben anstreben.
2. Diese Zusammenarbeit gilt auch an allen Arbeitsplätzen in Haifa. Mit Respekt und bei gleicher Bezahlung.
3. Der Berg Karmel mit dem Propheten Elias, der in allen drei Religionen von Bedeutung ist und verehrt wird.

Haifa ist die Industriestadt Israels. Im Einzugsgebiet leben über 400 000 Menschen. Haifa selbst zählt 240 000 Menschen, davon sind 40 000 arabische Einwohner, die früher die Mehrheit stellten. 2/3 der Araber sind Christen in den verschiedensten Ausrichtungen. Waren ursprünglich die Araber die Mehrheit, so sind es heute die Juden.

In dieser Schule sind 150 arabische Kinder. Die Schule ist offen für jeden. Auch wenn in Teilen Schulgeld zu zahlen ist, wird dieses nie ein ausschließendes Kriterium sein.

Vom Leo Baeck Institut war … als Mitarbeiter der Abteilung für Nah-Ost-Politik für uns anwesend. Nach mehreren Jahren in Kairo und einem Jahr in Jordanien kann er gut arabisch sprechen und so auch eigene Kontakte knüpfen. In seiner Bewertung stellt er fest, dass die Hamas im Westjordanland stärker wird und andere radikalere Gruppen zunehmen, kleine Zellen von Splittergruppen sogar in Israel existieren. Leider kommen nicht nur Ideen sondern auch Taten ins Land. Auch bei den Israelis setzt sich eine Radikalisierung durch.

Wie kann also Frieden nach Israel kommen? Frieden kann nicht nur von unten kommen, wie Gras wachsen. Es ist auch notwendig, dass die Regierung mit den Palästinensern den Frieden beschließt. Er kommt nicht aus den USA oder sonst woher. Was hierfür notwendig ist, sind  verantwortungsvolle Politiker, die mutig sind und auch ein Wagnis eingehen würden. Eigentlich wissen alle wie es gehen wird. „Land gegen Frieden“. Die Israelis müssen akzeptieren, dass Ramallah den Palästinensern gehört, wie auch die Palästinenser akzeptieren müssen, dass Haifa oder Tel Aviv israelisch ist. Aber solange solche Führer, wie die jetzigen, die politische Macht vertreten, wird es keinen Frieden geben. Es wird keinen Frieden wie in Europa zwischen den Völkern geben, sondern es wird ein Frieden auf oberster Ebene sein. Die Bürger Ägyptens interessieren sich nicht für die Israelis, die haben andere Sorgen. Der Frieden zwischen den Menschen aus der Westbank und den Israelis wird in einem stillen Nebeneinander praktiziert. Von daher müssen sich erst die politisch Verantwortlichen zusammenraufen (auch mit der Gewissheit, möglicherweise das gleiche Schicksal zu erleiden wie Jitzchak Rabin oder Anwar el Sadat).

Dienstag, 15.11.

An diesem Tag stand nur ein Termin auf dem Programm, doch der hatte es in sich. Wir besuchten Givat Haviva, eine Begegnungsstätte in Israel nahe den besetzten Gebieten. Dort wurden wir empfangen von …. Um ihre Beweggründe zu verstehen, diese Begegnungsstätte zu betreiben, muss man ihr eigenes Schicksal kennen und die damit verbundenen Brüche in Ihrem Leben. Geboren 1946 in Wales, kam sie Mitte der 60er des vergangenen Jahrhunderts nach Israel. Auf Grund ihres Namens wurde sie bereits in Wales als einzige Jüdin im Ort in der Schule von der Religionslehrerin gemobbt: „Sag, warum hat dein jüdisches Volk unseren lieben Herrn Jesus ermordet?“ Spätestens da, im Alter von 8 Jahren, war sie die Außenseiterin. Ihr Name ... hatte den Mitschülern und Lehrern kundgetan, dass sie jüdisch war. Als sie in London versuchte Wohnung und Arbeit zu finden wurde sie mehrmals abgelehnt. Denn auch in Großbritannien wurden Juden diskriminiert: „Keine Vermietung an Juden, Schwarze oder Hunde“ war bis zur Verabschiedung des Antidiskriminierungsgesetzes zu Anfang der 60er Jahre ohne Bedenken und auch straffrei möglich. So etwas aus den Köpfen zu bekommen dauert Jahre.

Daraufhin legte sie ihren Namenszusatz ab. Ohne eine jüdische Identität, denn sie hatte keine Ahnung von Sitten und Gebräuchen, aber als Jüdin in Großbritannien abgestempelt, wählte sie den Weg, der ihr ein freieres Leben versprach. Sie wollte nach Israel und nahm, um als Jüdin erkennbar zu sein, ihren alten Namen wieder an, auch wenn sie das ein Vielfaches kostete, als die erste Namensänderung. Sie kam als Hippie, als Friedensbewegte, studierte Journalismus und verdient bis heute noch als Autorin von Büchern und Artikeln ihr Geld.

Sie erläuterte die Namensgebung des Ortes, nach Haviva Reik, und zeigte auch hier ihren besonderen Humor, als sie den Begriff Givat in Hügel übersetzte. „Juden haben mitunter die Neigung zu übertreiben. Wenn dies ein Hügel ist, bin ich eine Primaballerina“. Ohne eine Menge Humor kann man die schwere Arbeit, auch mit „rechten“ Jugendlichen sich auseinander zu setzen, nicht aushalten. Aber einmal ist ihr der Humor dennoch verloren gegangen: Sie hatte sich mit einer Hand das linke Auge zugehalten und ihre jugendlichen Schützlinge gefragt, welchen israelischen Politiker sie imitiere. Sie wäre fast in Ohnmacht gefallen, als sie die Antwort erhielt: Johnny Depp.   

Als Mutter … ist sie dennoch davon überzeugt, dass ein Frieden nur in einer Gesellschaft von gegenseitigem Respekt erreicht werden kann. Die Kinder halten sie für eine alte Hippie-Dame, aber es sind halt ihre Kinder und sie hängt an ihnen.

Givat Haviva arbeitet mit der US-amerikanischen Jugendorganisation Habonim Dror zusammen

Damit der Frieden eine größere Chance bekommt, werden hierher arabische, jüdische, aber auch andere Gruppen aus dem In- und Ausland eingeladen. Sie werden hier u.a. nach der High School, vor dem Beginn einer Ausbildung zu Gruppenleiterinnen und -leitern ausgebildet. Dafür nimmt man sich, auf einem ehemaligen Stützpunkt, bis zu einem Jahr Zeit.

Aber auch für ein Zusammenleben in den Schulen wird hier gestritten. In vorgeschalteten Zwei-Tages-Kursen werden Schulklassen vorbereitet, dann kommen sie für einen Wochenkurs hierher und werden zu gemeinschaftlichem Leben eingeladen. Dabei wird für das Recht und das Verständnis jeder Gemeinschaft gestritten. Sie sollen einen respektvollen Umgang miteinander erlernen, ohne ihre Identität zu verlieren, eine Identität, die die arabischen Einwohner erst mit der Übernahme des englischen Begriffs „Palastine (Palästina)“ für sich entwickelten. Jeder hat sein Recht und deshalb muss man reden lassen und zuhören. Ein Denken in Schwarz und Weiß, den einfachen Lösungen, gilt es zu überwinden, um die verschiedenen Grautöne des Lebens zu verstehen.

Bis zur ersten Intifada 1987 war die Bewegungsfreiheit in Israel sehr groß und man konnte sich mit den Gruppen überall treffen, ob in Israel oder sogar in Akkaba, Jordanien. Doch diese Möglichkeiten wurden immer stärker aus Sicherheitsgründen eingeschränkt. Denn mit der zunehmenden Identität wuchs leider auch die Aggression gegen jüdische Bürger Israels. Oder war es genau umgekehrt?

Deshalb sei der Ansatz, die Jugendlichen zu begleiten und ihnen die jeweils andere Seite zu zeigen, notwendiger denn je. Derzeit werden Kinder in jeweils ethnisch getrennten Schulen unterrichtet: Die meisten Eltern wollen ihre Kinder in einem traditionellen Sinne ausbilden lassen, aber dabei den Sprachunterricht verstärken. Es gibt inzwischen sieben bilinguale Schule in Israel. Die Nachfrage nach koedukativer Beschulung der Kinder nimmt zu.

Ein weiteres Phänomen ist die „Grüne Linie“, die Staatsgrenze Israels zum Westjordanland. Da es schon länger diese ehemalige Grenze in den israelischen Karten nicht gibt, wissen die jungen jüdischen Israelis heute nichts mehr von Ansprüchen der älteren Palästinenser, die ohne geschichtliche Einordnung an die palästinensische Jugend weitergegeben werden, die damit die jungen Israelis konfrontieren.

So gibt es auch ein arabisches Dorf nicht weit von Givat Haviva, das in Ost und West geteilt ist. Gehört die Osthälfte zu der Westbank, so ist die westliche Hälfte ein Ort Israels. Interessant war der Vorschlag vom derzeitigen Oppositionsführer Herzog, einen Gebietsaustausch von arabischen grenznahen Orten mit jüdischen Siedlungen in der Westbank vorzunehmen. Die arabischen Bewohner lehnten und lehnen diesen Vorschlag komplett ab, sie wollen Einwohner Israels bleiben. Die Demokratie mit ihren Spielregeln haben sie angenommen, die Lebensbedingungen sind besser und durch ihr Wahlrecht sind sie mit arabischen Parteien in der Knesset vertreten

Mittwoch, 16.11.

Beim Besuch der deutschen Botschaft umriss der Botschafter Dr. Clemens von Goetze die Lage und beschrieb das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland. Auf vielen Arbeitsfeldern seien die Beziehungen gut, manchmal geradezu optimal. Im Bereich der Wirtschaft gab es vielleicht gerade einen kleinen Einbruch, aber er sieht auch hier eine Zunahme der Geschäftstätigkeiten. Gerade israelische Star-ups und deutsche Firmen gehen vermehrt gemeinsame Wege.

Das Verhältnis Israels zur EU gestaltet sich etwas schwieriger. Hier wirkt die völkerrechtliche Betrachtung sehr stark nach, die davon ausgeht, dass das Westjordanland/Westbank kein israelisches Staatsgebiet ist. Weder wurde dieses Land im Rahmen einer UN-Maßnahme an Israel übergeben oder zugesprochen, noch haben sich die Einwohner für Israel entschieden. Die Haltung zur Produktkennzeichnung ist kein Boykott. Die davon betroffenen Waren, im allgemeinen Obst und Gemüse oder Wein, können weiter in die EU importiert werden, jedoch muss in diesen Fällen die Herkunft genauer bezeichnet werden. Die Westbank ist nun einmal völkerrechtlich betrachtet nicht Israel. Zudem gibt es innerhalb der EU immer mehr Länder, die die Haltung Israels zur Zwei-Staaten-Lösung so nicht akzeptieren. Der Ministerpräsident nennt diese Lösung Regierungsposition, doch seine eigenen Kabinettsmitglieder wollen von einer derartigen Haltung nichts wissen und widersprechen jeglichen Lösungsvorschlägen.

Die BRD versucht in Gaza an Infrastrukturmaßnahmen wie Wasserver- und –ent sorgung mitzuwirken, so wie sie auch versucht, Israel dahin zu bewegen, mehr Transportkapazitäten über die israelischen Grenzübergänge zuzulassen. Die Haltung Israels zu den palästinensischen Gruppierungen ist sehr different.

Von der Hamas sieht er im Moment keine direkte Gefährdung Israels. Seit zwei Jahren kommt es im Süden nicht mehr zu größeren Kampfhandlungen. Ab und zu kommt zwar eine Rakete auf israelische Ortschaften, aber die seien von Splittergruppen gezündet worden, und Israel reagiert entsprechend darauf. Gefährlicher sieht er die Lage im Norden. Zwar ist die Hisbollah derzeit in Syrien in die Kämpfe verwickelt, jedoch besitzt die Hisbollah ein recht umfangreiches Raketenarsenal, das Israel substantiell gefährden kann. Weiterhin erwerben die Rebellen der Hisbollah Erfahrung, was sie kampferprobter und somit gefährlicher macht. Auch wenn Deutschland die Kampfgruppen der Hisbollah als Terrorgruppe eingestuft hat, kann man an der politischen Realität nicht vorbei und muss das Gespräch mit politisch Handelnden suchen.

Durch die Hisbollah hat Iran direkten Einfluss auf den Krieg, ohne selber aktiv teilzunehmen. Der Einfluss des Iran auf die Hisbollah ist so immens, dass diese Gruppe ohne die Hilfe nicht überleben könnte.

Prekärer wird die Lage auch dadurch, dass Russland direkt in den syrischen Konflikt eingegriffen hat und nun Militärbasen in Syrien besitzt. Damit wurde in Syrien ein Flugabwehrsystem installiert, das weit in den Luftraum Israels hineinragt. Dennoch ist dieser Konflikt einer, in dem Religionen oder religiöse Ausrichtungen von den Beteiligten vorgeschoben werden. Die Regionalmacht Iran gegen die Regionalmacht Saudi-Arabien gegen die Regionalmacht Türkei, würde in einem dieser Länder eine vollkommen säkuläre Regierung die Macht übernehmen, so wird dennoch der Machtanspruch weiterhin existieren und als politisches Ziel verfolgt.

Die Bundesrepublik unterstützt die inner-israelischen Friedensbemühungen nicht direkt, sondern eher durch die verschiedenen politischen Stiftungen. Givat Haviva wird z. B. von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert.  

 

Persönliches Resümee:

Israel ist kein Tigerstaat mehr. Israel ist eine Wirtschaftsnation, die im Begriff ist, ständig und stetig zu wachsen. Überall im Land wird gebaut, nicht nur in Rahat, nicht nur Gebäude, auch Straßen und Schienen. Derzeit hat sich in Israel eine brüchige Ruhe eingestellt, da äußere Bedrohungen im Moment nicht zu erwarten sind. Das, was die Europäer an Attentaten zu hören bekommen, ist immer und überall eine Besonderheit, Nachrichten, die sich verkaufen lassen. Die wöchentlichen bis monatlichen Raketenangriffe aus Gaza sind zu regelmäßig, ihre Folgen kosten selten Menschenleben.

Doch wehe, der Konflikt im Norden ist ausgestanden und die Hisbollah kann sich wieder dem alten Feind zuwenden. Ob Russland ein Stabilisierungsfaktor im Nahen Osten sein kann, wage ich zu bezweifeln. Dennoch gibt es auch aus Russland viele Touristen, die das gelobte Land besuchen. Der Christus-Tourismus ist für Israel wie auch die Palästinenser eine gute Einnahmequelle. Vor drei Jahren war diese Art Reise vier Tage länger bei gleichem Preis. Auf diese Einnahmen zu verzichten, würde viele Menschen in die Arbeitslosigkeit schicken, Hotel- und Gastgewerbe, Fremdenführer, Busfahrer und Flugplatzmitarbeiter, aber auch Mitarbeiter an den heiligen Stätten. Arbeitsplätze werden gesucht, sowohl für Frauen als auch für Männer, Rahat ist nur ein Beispiel.

Die Zeit und die antisemitische Haltung überall in der Welt lassen Israel wachsen. Gibt es Juden, die in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen leben, kommen sie nach Israel. Aus Äthiopien oder Frankreich oder früher Russland.

Die Tatsache, dass arabische Israelis nicht in einem Staat Palästina leben wollen, spricht für sich. Die drittgrößte Fraktion in der Knesset, dem israelischen Parlament, ist die der Araber. Die Organisation der palästinensischen Gebiete liegt verwaltungsbezogen zum großen Teil in den Händen der Palästinenser, auch die Wasserverteilung. Die Wassergewinnung wird aber von den Israelis und den Palästinensern kontrolliert: Zuständig ist die Israelisch-Palästinensische-Wasser-versorgungs-Gruppe (JWC). Und hier tritt wieder ein altes Problem auf: Zusammenarbeiten muss man wollen. Sich in eine Rolle der Verantwortung zu begeben, kann eventuell auf Normalisierung hinweisen, und das ist für Palästinenser nicht erlaubt. In manchen Regionen gibt es Klagen, in manchen wenige bis keine.

Aber das Wasser, das die meisten Menschen trinken wollen, wird in Plastikflaschen verkauft, jeder Busfahrer macht damit sein kleines Geschäft. Sehr viel Wasser wird durch Meerwasserentsalzung gewonnen. Die dafür notwendige Energie erhält Israel aus eigenen Erdgasvorkommen unter dem Mittelmeer.

Da in Israel das Schmutzwasser kostenlos geklärt wird, kann das Klarwasser für die Landwirtschaft gegen Gebühr/Kostenbeitrag genutzt werden. Das Thema Wasserverteilung und Verteilungsgerechtigkeit wird dauerhaft ein Thema bleiben, solange der Staat Palästina nicht existiert. Mit der Haltung „alles oder nichts“ werden beide Seiten nicht zur Ruhe kommen. Mag sein, dass ich einen großen Knall nicht mehr erlebe, jedoch leben die Palästinenser bereits über 70 Jahre in verschiedenen Flüchtlingslagern und bereiten sich intern immer wieder darauf vor: irgendwann, eines Tages in Jerusalem.

Für mich bezeichnend ist das Aufblühen des Landes in der ruhigen Phase. Alles geht seinen Weg, so wie in Deutschland oder anderen europäischen Staaten. Es gibt innenpolitische Aufgaben, die die Regierung löst und damit neue Fakten schafft. Jedoch sind das Sicherheitsempfinden und die Sicherheitspolitik stärker in der Gesellschaft verankert. „Da gehen in Brüssel Terroristen mit Kofferbomben in das Flughafengebäude, sprengen sich in die Luft und in Rest-Europa werden die Kontrollen nicht erhöht? Wie kann das sein?“ fragte uns der Siedler Joop Watermans. Bezeichnend ist das subjektive Sicherheitsgefühl, das in Israel größer ist als in Europa, wie mir verschiedene Israel-Reisende berichteten.

Auch die Sonne und die Wärme lassen es in Israel angenehmer sein als in Europa. Dieses Wetter und diese fünf Klimazonen erzeugen eine Haltung bei den Menschen von alltäglichem Urlaub, der zwischendurch von Arbeit und anderen Querelen unterbrochen wird, oder anders: Arbeiten und Leben in einer Atmosphäre der Entspannung, die für jede und jeden nach dem Alltäglichen am Abend auf seine Bewohner wartet, auch in dem Bewusstsein keine garantierte

Ruhe oder Frieden zu besitzen, dass sich alles schnell verändern kann.

 

im November 2016

Runold Jacobskötter